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Mittwoch, 24. Juni 2009

Heinrich Heines Selbst-Betrug: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten / Dass ich so traurig bin ...














Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet
Sie kämmt ihr goldenes Haar.


Am Ende - das ganze Gedicht ist hier zu lesen - wird der Schiffer untergehen, sein Kahn kentert, weil er nur Augen für das schöne Weib hat.

Heinrich Heine (1797-1856) hat das Lied mit annähernd 27 Jahren geschrieben; es ist sein bekanntestes Gedicht und ... ach, ja, es ist voller Romantik. Die uralten Zeiten gemahnen an das Es war einmal der Märchen und alle Ingredienzen - Abendstimmung, das ruhige Fließen des Flusses, Liebesweh - sind dazu angetan, uns als Leser rührselig zu stimmen.
Und ehrlich: Meine romantische Seele hört das Lied gern, schließlich ist auch die Vertonung durch Friedrich Silcher echt gut gelungen; ein Volkslied ist es geworden; natürlich wird es auf dem Rheindampfer eingespielt, wenn man an dem 125 Meter hohen Felsen (s. Bild) vorbeifährt.

In Wirklichkeit spiegeln die Verse die Problematik vieler Männer, ganz speziell auch die Heines, nämlich, mit einer Frau auf gleicher Augenhöhe keine Beziehung führen zu können.
Heine konnte das auch nicht. In den Bordellen vieler Städte, ganz besonders in Hamburg auf der damals so genannten Drehbahn St. Paulis, kannte er sich bestens aus, ja die Namen von Prostituierten sind sogar überliefert; wir wissen von der Dragonerkathrine, dem dicken Posaunenengel-Hanchen, von der Knuddelmuddel-Marie, der scheuen Susanne und einigen anderen.

Ich glaube - auch wenn er gleich zu Beginn sein lyrisches Ich das Gegenteil behaupten lässt -, Heine wusste sehr wohl, was es zu bedeuten hat, dass der Schiffer so traurig ist:
Eine Liebe auf gleicher Augenhöhe konnte der Poet nie leben, kein Wunder, dass Loreley auf einem Felsen sitzt und unerreichbar für den Schiffer bleibt. So bleibt ihm verborgen, dass sie so nicht ist, wie sie scheint; in sie projiziert mancher Mann seine Vorstellungen, die er nicht leben kann. So geht er in den nicht lebbaren Gefühlen seines nicht gelebten Lebens unter.

Der Rhein war zur Zeit Heines nur schwer beschiffbar, kannte viele Strudel und unterirdische Felsen, die heute überwiegend weggesprengt sind; sie symbolisieren, wie es im Unbewussten des Schiffers ausgesehen haben mag, unter der Wasseroberfläche. Nicht nur Narziss wusste nicht, was unter dem Wasserspiegel los ist; es gibt nicht viele, die wie Schillers Taucher die Erfahrung der Tiefe machen, machen wollen.

Auch mit der zweiten großen Liebe seines Lebens, dem Bauernmädchen Augustine, das Heine Mathilde nannte, konnte er nicht wirklich zusammenleben. Körperlich sehr attraktiv sind Heines Bildungsversuche bei ihr - er schickte sie sechs Tage in der Woche in eine Mädchenpension - weitgehend vergeblich. Wir wissen, dass Mathilde sehr launisch war, sich auf den Boden werfen und toben konnte, wenn ihr etwas nicht passte, um im nächsten Moment ganz zärtlich zu sein.
Mathilde blieb Kind, ein Kind, das der Mann Heinrich Heine dennoch herzlich liebte und dem er, als sein Siechtum auf seinem Bettlager - seiner Matrazengruft, wie er sie nannte - begann, in seinem Gedicht An die Engel in der vorletzten Strophe folgende Zeilen widmete, indem er sich an die Engel wendet:

Ihr Engel in den Himmelshöhn,
Vernehmt mein Schluchzen und mein Flehn;
Beschützt, wenn ich im öden Grab,
Das Weib, das ich geliebet hab;
Seid Schild und Vögte eurem Ebenbilde,
Beschützt, beschirmt mein armes Kind, Mathilde.

Bildquelle: Wikipedia, Loreley
weitere Gedanken zum Loreley-Gedicht Heines und Erich Kästners: hier

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